Montag, 22. August 2011

Lernen im 21. Jahrhundert - Lernen mit PC und Web 2.0

[ursprünglich veröffentlicht am 17.05.2007 von Prof. Dr. Wolfgang Schumann]

Feiertage, wie der heutige, lassen sich in unterschiedlicher Weise verbringen. Ich habe mich angesichts des regnerischen Wetters dazu entschlossen, einige Gedanken zu der zentralen Thematik des Agora-Wissen-Blogs, "Lernen und Lehren mit PC und Internet" mit Ihnen zu teilen. Gedanken und Überlegungen, die dazu beitragen sollen, Ihnen den übergreifenden Hintergrund für und den Zusammenhang der einzelnen Beiträge, die wir hier fast täglich posten, näher zu bringen.

Veränderung der Rahmenbedingungen für Lehren und Lernen

Die enorme Beschleunigung der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten hat die Rahmenbedingungen für Lehren und Lernen in dramatischer Weise verändert. Trotz der Verlängerung der - im weitesten Sinne - formalen Ausbildungszeit reichen das dort erworbene Wissen und die dort erlernten Fähigkeiten nur noch in den allerwenigsten Fällen, wenn überhaupt, für einen sich über drei bis vier Jahrzehnte erstreckenden Berufsweg aus. Aus diesem Grunde ist auch "Lebenslanges Lernen" zu einem der meist zitierten Schlagwörter in den Diskussionen über Ausbildung, Erziehung, Schule, Universität und Ausbildungssysteme ganz generell avanciert. Und deswegen wird auch die Fähigkeit zu Lernen als eine der zentralen Schlüsselqualifikationen des 21. Jahrhunderts angesehen.
Lernen und Fort- und Weiterbildung hängen heutzutage allerdings in entscheidender Weise von der Fähigkeit zur effektiven Nutzung von PC und Internet ab. Einmal deswegen, weil sich das Internet zu dem Reservoir für menschliches Wissen schlechthin entwickelt hat. Jeder, der sich über den Kenntnissstand, auf welchem Gebiet auch immer, informieren und sich über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden halten will, ist zwingend auf das Web und seine Fähigkeit, die zur Verfügung stehenden Suchinstrumente professionell nutzen zu können, angewiesen.
Außerdem gilt es zu bedenken, dass sich das Internet in den letzten drei, vier Jahren so grundlegend verändert hat, dass man mit Fug und Recht von einer Revolution sprechen kann. Aus dem Web 1.0 ist das Web 2.0 geworden. Was heißt Web 2.0? Selbstverständlich interessen uns hier nicht die technischen Aspekte, für die ich auf einen ausgezeichneten Artikel in der Online-Enzyklopädie "Wikipedia" verweisen möchte, wo Sie auch Hinweise auf zahlreiche weiterführende Quellen finden. Hier geht es vielmehr um die zahlreichen Implikationen von Web 2.0 für Lernen und Lehren.

Elemente des Web 2.0

Als einer der ganz wesentlichen Aspekte dabei ist die Tatsache anzusehen, dass sich mit Web 2.0 das Internet zu einem ausgeprägt interaktiven Medium entwickelt hat, in dessen Rahmen die stetig und exorbitant anwachsende Anzahl der Nutzer nicht mehr nur noch Inhalte konsumiert, sondern selbst Inhalte produziert. Die eben erwähnte Online-Enzyklopädie Wikipedia stellt dabei nur ein, wenn auch prominentes, Beispiel unter vielen dar.
  • Millionen von so genannten Blogs (einen ersten Überblick über die Fülle vermittelt zum Beispiel Technorati),
  • Wikis - als Beispiel für diese Art der Kooperation und Ergebnispräsentation sei hier nochmals auf Wikipedia verwiesen -,
  • soziale Bookmarkingdienste, mit deren Hilfe Nutzer Internetquellen zu sie interessierenden Gebieten sammeln, bewerten, austauschen und diskutieren (vergleichen Sie etwadel.icio.us, Diigo oder, als ganz konkretes Beispiel, meine dortige Bookmarksammlung zur EU)
  • Dienste wie Flickr, YouTube und viele, viele andere mehr,
die im übrigen alle auch und gerade im wissenschaftlichen Bereich intensiv genutzt werden, demonstrieren in beeindruckender Weise den Umfang und die Bedeutung dieses neuen, interaktiven, User-geprägten, "sozialen" Webs. Von daher stellt das Internet nicht mehr länger nur das Reservoir menschlichen Wissens dar, sondern wird zunehmend auch zu dem Ort, an dem Wissen generiert wird.
Was Lernen im Sinne von Wissenserwerb angeht, hat somit das Web 2.0 das Internet zu einem noch bedeutsameren Instrument gemacht als vorherZweitens bietet das Web 2.0 neue und innovative Möglichkeiten an, um den riesigen und stetig wachsenden Umfang an Informationen, dem wir ausgesetzt sind, zu bewältigen. Man denke etwa an die heute allgegenwärtigen so genannten RSS-Feeds, das ist ein elektronisches Nachrichtenformat, das dem Nutzer ermöglicht, die Inhalte einer Webseite – oder Teile davon - zu abonnieren. Das heißt, Sie müssen nicht mehr alle möglichen Websites besuchen, um zu prüfen, ob neue Inhalte angeboten werden; die Inhalte kommen vielmehr automatisch zu Ihnen. Sie können sich auf diese Art und Weise eine Art persönlicher, auf Ihre speziellen Interessensgebiete zugeschnittener elektronischer Zeitung zusammenstellen und alle Nachrichten und Informationen an einer zentralen Stellen, in einem Newsreader, sammeln sowie bequem und schnell durchgehen. Der nachfolgende Screenshot zeigt Ihnen als Beispiel meine aus rund 50 unterschiedlichen Quellen gespeiste "Zeitung", mit der ich Informationen zu diesem Blog verfolge, angezeigt im meinem RSS-Reader.

[die Abbildung konnte nicht rekonstruiert werden, sie zeigte einen Ordner von Prof. Schumanns GoogleReader]

Die Abbildung verweist auf ein drittes charakteristisches Element des Web 2.0, die Möglichkeit Informationen mit anderen zu teilen. So würde etwa ein Mausklick genügen, um den Beitrag, der angezeigt wird, auf einer besonderen Seite im Web zu veröffentlichen und ihn so Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, oder meinen Studierenden zugänglich zu machen. Das eröffnet Optionen für Lehren und Lernen, wie sie noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Hinzu kommt, dass sich auch die früher einsam und allein am heimischen PC vollzogene Arbeit an Worddokumenten und Präsentationen, die Planung der Konzeption für ein Manuskript mit Hilfe einer Mind-Mapping-Software und vieles andere mehr ins Web verlagern und dort gemeinsam mit Kollegen, Studierenden etc. Dokumente bearbeitet werden. Wenn Sie diesen Blog regelmäßig lesen, wissen Sie, dass wir nahezu täglich über neue diesbezügliche Entwicklungen, Dienste und Programme berichten.

Implikationen neuer Rahmenbedingungen und des Web 2.0

Was bedeutet das bisher Gesagte für unser eigentliches Thema, für Lernen im 21. Jahrhundert? Nun, es heißt nichts anderes, als dass das Web 2.0 dabei ist, die Art und Weise, wie wir lernen, grundlegend zu verändern. Wir lernen nicht mehr länger nur, indem wir Vorträge und Vorlesungen besuchen oder Bücher lesen, deren Inhalt oft schon beim Erscheinen veraltet ist. Lernen beschränkt sich nicht mehr darauf, Wissen zu resorbieren und Lernende sind nicht mehr nur Wissenskonsumenten. Lernen heißt heutzutage, sich im Internet die allerneuesten Informationen zu beschaffen, Wissen und Ideen mit anderen im Rahmen der sich herausbildenden neuen webgestützten sozialen Netzwerke zu teilen und zu diskutieren und selbst aktiv zu den in diesen Netzwerken verfügbaren Inhalten beizutragen. Ich will es mit diesen kurzen Anmerkungen bewenden lassen, sind doch diese Aspekte in zahlreichen Publikationen, unter anderen in dem hervorragenden Buch von Will
Richardson, Blogs, Wikis, Podcasts and other powerful Web tools for classrooms, Thousand Oaks 2006, detailliert beschrieben und erörtert worden.

Welche Schlussfolgerungen sind daraus zu ziehen?

Die entscheidende Erkenntnis besteht meines Erachtens darin, dass (lebenslanges) Lernen auf der einen, PC und Internet - und hier vor allem das eben beschriebene Web 2.0 - auf der anderen Seite untrennbar miteinander verbunden sind. Und das gilt insbesondere, wenn es um Fort- und Weiterbildung geht, bei der der institutionelle Rahmen von Schule und/oder Universität fehlt und Lernende deswegen in ganz besonderer Weise auf das Web angewiesen sind. Lernen lehren muss also nach meiner festen Überzeugung heute die Vermittlung der "Web-Literacy", die notwendig ist, um die vielfältigen Möglichkeiten des Web (2.0) voll ausschöpfen und nutzen zu können, als einen zentrale Pfeiler einschließen.

Und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, darin besteht das Anliegen unseres Blogs.

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